Montag, 13. Oktober 2014

Am Glück sterben

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Alice Munro ist eine Autorin, die seit Jahren allseits gelobt wird und auch hier schon lange mehr als nur den Ruf des Geheimtipps hat. Man kommt also nicht umhin Munro zu lesen. Aber, lohnt es sich, dem Hype zu folgen? Ja, aber - so denke ich - haben Literaturliebhaber am meisten davon. Ich als bekennende Liebhaberin, habe mich nun auch endlich an die  365 Seiten zehn Geschichten gewagt. 
Die Titelgeschichte ist die längste und steht am Ende. Sie ist anders als die übrigen neun Erzählungen und hat mir persönlich am besten gefallen. Sofia Kowalewskaja, eine real existierende Russin, ist die Protagonistin. Der Leser blickt mir ihr auf viele Erinnerungen zurück und bleibt überrascht alleine, als sie unerwartet verstirbt. "Zu viel Glück" sollen ihre letzten Worte gewesen sein.
Zu viel Glück kann man doch gar nicht haben, sagt man. Aber auch, dass man vor Glück vom sprichwörtlichen Schlag getroffen werden kann.  Das ist im ganz Groben Munros Theamtik, die vielseitig im Buch und in den Erzählungen verpackt wird.Und am Ende steht die Erkenntins: "Zu viel oder zu wenig – für das Glück gibt es kein Maß, nie trifft man es richtig". Wer vorsorgen will, um nicht am Glück zu zerbrechen, der sollte Munro lesen!

Alice Munro

Zu viel Glück

Zehn Erzählungen, S. Fischer

ISBN: 978-3-10-048833-6

Sonntag, 12. Oktober 2014

Was wissen wir von Liebe?

100_8737Was wissen wir von Liebe? Nichts, so die nüchterne Antwort von Moritz Rinke. Und doch wissen wir so viel mehr, können lernen, begreifen, verbessern, versagen - und an der Liebe zu Grunde gehen. Das ist ganz schön viel, dafür, dass wir nichts wissen (frei nach Sokrates: Ich weiß, dass ich nichts weiß). 
In seinem Theaterstück "Wir lieben und wissen nichts" lässt der Autor zwei Paare durch einen Wohnungstausch auf einander treffen. Sebastian und Roman lassen von Anfang an kein gutes Haar an einander, ihre Frauen Hannah und Magdalena finden allmählich aber Gefallen am Mann der jeweils anderen. Eine Kündigung, der bevorstehende Abschuss eines Satelliten ins All und schon lange schwelende Beziehungskrisen sind die Zutaten für dieses Theater vom Feinsten. Liebevoll aber ebenso eiskalt sind Rinkess Figuren, grotesk manche Situation, spannend bis hin zum Ende, als schließlich ein Schuss und der Vorhang fallen. 
Aber Achtung, sicherlich ist dieses Buch eher für die Literaturfreunde bzw- Theaterliebhaber interessant! 

Wir lieben und wissen nichts, rororo

ISBN 978-3-499-24519-0

Samstag, 11. Oktober 2014

Spannung bis über die letzte Seite hinaus

Schon wirklich lange lag "Du kannst keinem trauen" von Robison Wells in meinem Buchregal. Ich sagte ja bereits, dass ich nicht soooo gerne Krimis und Thriller lese. Also gab ich den Roman erst einmal weiter an eine Freundin, die dieses Genre liebt. Kurz darauf bekam ich das Buch mit folgenden Worten zurück: "Also! Das ist ja... Pffttt.... Achso! Du hast es ja noch gar nicht gelesen!" Was sollte ich aus dieser Aussage machen? Den Roman am besten selbst lesen.
Und nun habe ich mich daran gewagt. Unterbrochen durch notwendige Arbeit habe ich das Buch in einem Rutsch gelesen. Es war wirklich ... also ... es fehlen auch mir am Ende die Worte. Denn die Spannung geht bis über die letzte Seite hinaus. Und ich muss nun zusehen, dass ich mir die Fortsetzung besorge, denn so ungewiss kann ich nicht bleiben.
Der deutsche Titel hatte mich (mal wieder) abgeschreckt. Natürlich passt er auf das Buch, aber "Variants", so der Originaltitel hätte gleich spannender und weniger abgedroschen geklungen. Benson Fisher, fast 18 und Waise, bewirbt sich um ein Stipendium an der Maxfield Academy. Aber bereits seine Ankunft dort ist rätselhaft. Die Schule liegt abgeschottet im Nirgendwo, zwei Schüler versuchen davon zu laufen - und es gibt überhaupt keine Erwachsenen. Dafür Banden, die Benson anwerben wollen. Und keine Möglichkeit, das Schulgelände wieder zu verlassen. Bensons erster Gedanke ist Flucht, aber dann kommt er nach und nach hinter das Rätsel der Schule und seiner Schüler.
Mich hat der Roman sehr an die "Fear Street"-Reihe erinnert, die ich als Jugendliche verschlungen habe. Und das Ende macht mich noch immer ungeduldig auf die Fortsetzung!

Robison Wells

Du kannst keinem trauen, FJB

ISBN: 978-3-8414-2140-1

Sonntag, 5. Oktober 2014

Ein unbändiges Buch

100_8796 Es kommt ja selten vor, dass Titel das halten, was sie versprechen. Das gilt vor allem für deutsche Buchtitel. Aber in diesem Fall stimmt er ausnahmsweise einmal: "Unbändig" ist tatsächlich ein unbändiges Buch. Im Australischen "The Burial" ist der Roman von Courtney Collins eine absolute Überraschung. Spannend und bis zur letzten Seite fesselnd erzählt sie die Geschichte des ehemaligen Zirkusmädchens Jessie. Am Ende ist Jessie dem Gefängnis nur um Haaresbreite entkommen, hat aber dennoch mehrere Männer bzw. Leben auf dem Gewissen. Und das Erschreckende daran ist: man kann das auch noch zu großen Teilen nachvollziehen!
100_8798Der Auftakt zu diesem Drama ist außergewöhnlich. Denn die junge Autorin erzählt aus der Sicht des gerade geborenen Babys von Jessie, einem ungewollten Baby, das auch sogleich wieder sein Leben lassen muss, als Erzähler aber weiter fungiert. Das ist nicht nur clever, sondern auch ungewöhnlich - und macht den Roman schon alleine deswegen lesenswert. Dazu kommt die spannende Geschichte der Protagonistin, die durchaus langatmig, aber keineswegs langweilig ist! 
100_8799"Australien 1921: Eine Farm steht in Flammen, ein Mann ist tot – und eine junge Frau flieht mit blutverschmierten Händen bei strömendem Regen und peitschendem Sturm in die wilden Berge. Ihr viel zu früh geborenes Kind musste sie zurücklassen. Bald werden Männerbanden ihrer Spur folgen, auf sie ist Kopfgeld ausgesetzt. "Unbändig" erzählt ergreifend und aufwühlend vom Leben, von Freiheit und davon, Frau zu sein." Diese Beschreibung trifft den Roman nur zum Teil, denn er ist wesentlich blutrünstiger, spannender und fesselnder als das!
Dazu kommt ein wunderschönes Cover, das man sehr lange in der Hand halten und betrachten möchte. Dieser Roman ist definitiv meine Empfehlung für lange Herbstabende!

Unbändig, Droemer

ISBN: 978-3-426-30406-8

Sonntag, 28. September 2014

Liebe und Sex and the city

100_8722Bastian ist ein Durchschnittstyp - ein Mann um die 30, der aber eines Tages feststellt, dass er in seiner durchschnittlichen Beziehung nicht (mehr) glücklich ist. Also macht er kurzentschlossen Schluss mit Freundin Jule und stürzt sich als Single hinein ins neue Leben auf der Suche nach einer neuen Liebe. Nach DER einen, besonderen Liebe. Dass Basti aber kein "Frauenheld" ist, erkennt der Leser schneller als er selbst.
Mit viel Liebe für seinen Protagonisten schildert Lutz Schebesta diese Suche nach der großen Liebe aus Männersicht. Das ist ein wenig wie bei Sex and the City, eben nur männlicher erzählt, dabei nicht weniger offen und erotisch. Bastian dabei zu begleiten, wie er sich blamiert, abserviert, reingelegt oder flach gelegt wird, ist durchaus amüsant. Dennoch bin ich froh, dass ich "Antragsfieber", das neueste Werk des Autors zuerst gelesen habe - denn irgendwann wird es der Leser etwas leid, Bastian bei den oben genannten Aktivitäten zu begleiten. Natürlich hofft man - zurecht- auf ein Happy End. Wenn "Frauenheld" auch nicht gegen "Antragsfieber" ankommt, so ist der Roman dennoch kurzweilig, unterhaltsam und sehr amüsant. Ich freue mich wirklich auf viele weitere Romane von Lutz Schebesta!
Übrigens ist auch die facebookseite des Autors einen Besuch wert: https://www.facebook.com/pages/Lutz-Schebesta/212447428832392?fref=ts

Lutz Schebesta

Frauenheld, Bastei Lübbe

ISBN: 978-3-8387-1543-8

Dienstag, 9. September 2014

Gott, das Kaninchen

100_8720Etwas ist anrührend, weil es im wahrsten Wortsinne an uns rührt, etwas in uns berührt oder uns und unsere Emotionen (be-)rührt. Und genau das macht der Roman "Als Gott ein Kaninchen war" von Sarah Winman: Er ist anrührend. 
100_87191,94 Euro plus Versand habe ich für den (gebrauchten) Roman bezahlt, der schon lange auf meiner Wunschliste stand. Ich hätte es schon viel eher tun sollen und noch dazu viel mehr bezahlen, denn das ist der Roman auf jeden Fall wert. Die kindliche Erzählerin Elly lässt den Leser teilhaben an ihrer (nicht immer kindgerechten) Welt. Damals, "als die Träume noch klein waren und für alle erreichbar. Als Süßigkeiten nur einen Penny kosteten und Gott ein Kaninchen war". So erklärt sich auch der durchaus blasphemische Titel: In der Kinderwelt ist Gott ein Kaninchen, Ellys geliebtes Haustier, das tatsächlich auch irgendwie magisch zu sein scheint. Natürlich ist der Titel blasphemisch, aber er ist auch bezeichnend für das, was eine Kindheit ausmacht: Sich geborgen fühlen, Konventionen einreißen und einfach leben (und im Idealfall glücklich sein). Ellys Familie verkörpert alles das, mal mehr oder weniger. Ihre besondere Verbindung zu ihrem Bruder Joe schuldet sie auch Gott, dem Kaninchen. Insofern, als dass Gott diese Familienbande begünstigt, erscheint der Titel schon weitaus weniger gotteslästerlich und einfach nur passend!
Beginnend im Jahr 1968 - und kein zeitlich wichtiges Ereignis auslassend - dehnt sich die Erzählung aus bis hinein in die Zeit um den 11. September 2001. Aber es ist kein 9/11-Roman (fast muss man sagen: Zum Glück. Denn das hätte den Roman doch zerstört.). Es ist vielmehr ein Roman über Kindheit und Erwachsenwerden, über Familie und Freundschaft, Liebe und Trauer, Glück und Unglück; eben fast ein ganzes Leben ist darin enthalten. Erzählerin Elly, die zuerst kindlich erzählt und dann sprachlich ebenfalls eine Entwicklung erfährt, erzählt zum Teil naiv von ihrem Leben und den Menschen darin. Dabei bleibt sie selbst ein wenig auf der Strecke, sodass man ihr am Ende wünscht, sie möge sich selbst finden. Aber Elly hat ja noch ein paar Jahre Lebenszeit, sodass man irgendwie die Hoffnung für sie nicht aufgibt.100_8721

Als die Träume noch klein waren und für alle erreichbar. Als Süßigkeiten nur einen Penny kosteten und Gott ein Kaninchen war

In diesem Jahr habe ich keinen Roman gelesen, der zugleich so abgrundtief traurig und doch lustig war, der Hoffnung machte, obgleich er erschreckend ehrlich und realistisch war, der spannend war und manchmal doch soooo ausgedehnt, wie ein heißer Sommertag in der Kindheit; kurz: Dieses Jahr mein absolutes Lieblingsbuch. Danke, Sarah Winman!

SARAH WINMAN

Als Gott ein Kaninchen war, L¡mes/blanvalet

978-3-442-37762-6

Sonntag, 7. September 2014

Wieder zu Gast

Einmal mehr durfte ich auf dem wunderbaren Blog meiner lieben Freundin bibliophiln zu Gast sein und ein nicht weniger wunderbares Buch für den DuMont-Verlag besprechen! Lieben Dank, wie immer, dafür!

Vom Kalten Krieg bis ins Heute

 100_8645In einem halben Haus kann man nicht wohnen. Eine halbe Familie ist schließlich auch keine ganze Familie, die Schutz und Liebe bietet. Den Titel hätte Gunnar Cynybulk für seinen Roman „Das halbe Haus“ daher gar nicht treffender wählen können, ebenso wenig die Sprache, in der er erzählt.

Schonungslos und schnörkellos überspringt er Zeit und Raum und wechselt Erzählperspektiven ab. Das ist aber auch nötig, bei über 570 Seiten Erzählung, vor denen ich bei Lesebeginn größten Respekt hatte. Ebenso wie vor dem Thema. Krieg durchzieht den Roman wie ein roter Faden, das bedeutet deutsche Geschichte auf jeder Seite. Das könnte erschlagen. Tut es aber nicht, denn Cynybulk gestaltet die Erzählung abwechslungsreich und spannend.

Drei Geschichten werden dabei erzählt, die miteinander nicht verknüpfter sein könnten: Die der Großmutter, die vom Schwarzen Meer in Zeiten des Kalten Krieges in den Westen übersiedelt; die ihres Sohnes, Frank Friedrich, der zunächst seine Ehefrau Polina dazu nötigt, aus der DDR in die Bundesrepublik überzusiedeln und sich dann in Eva verliebt. Eva, die zu eng mit dem System verbunden ist… Seine Verhaftung lässt nicht lange auf sich warten. Und dann ist da noch der eigentliche Protagonist Jakob, Sohn und Enkel, der von der Kinder- und Jugendsportschule träumt.

Beim Lesen lernt man nicht nur von den Sehnsüchten und Träumen der Personen, sondern auch viel über die Deutsche Geschichte – vom Kalten Krieg bis ins Heute. Das ist einerseits spannend (erzählt), aber auch auf seine Art nüchtern und zugleich liebevoll. Für den Sommer eine recht schwere und anstrengende Lektüre, die ich eher für die langen Stunden in Herbst und Winter ans Herz lege!

 

 Gunnar Cynybulk
Das halbe Haus, DuMont-Verlag
ISBN 978-3-8321-9723-0
Schaut doch mal bei bibliophilin vorbei! http://www.bibliophilin.de/?p=11378